VON jotty
Ich gebe zu, ich war Fan. Ich liebe es, wenn Dinge schnell voran gehen, ich schnelle Lösungen finde und diese schnell umsetzen kann. Neue Ideen lassen mein Dopamin nur so überquellen. Ich wollte die Abkürzung für alles. Für mein Business, für meine Gesundheit und für meine Skills als Mutter. Ja sogar mein soziales Netzwerk wollte ich mit Hilfe von ChatGPT stärken. Ich traute einer riesigen Rechenmaschine mehr zu, als mir selbst. Dabei kann nur ich wissen, was ich gerade brauche, was meine Stärken sind und wie ich mein Leben führen möchte. Dopamin ist dafür bekannt, dass wir immer mehr wollen, wenn der Kick erstmal nachgelassen hat und so war es eben auch mit ChatGPT. Ich habe ihm sogar einen Namen gegeben, weil er mir das Gefühl gab, er könnte mein Lifecoach sein – er hieß übrigens Charly und wir hatten eine gute Zeit – dachte ich zu mindest.
Dann aber schaltete sich mein Instinkt ein und ich spürte immer mehr, dass das in die völlig falsche Richtung ging. Ich las nur noch Texte, die eine ganz typische KI-Formulierung benutzte. Ich fing an, Menschen nicht mehr zu trauen, weil ich wusste, sie nutzten ChatGPT. Ich spürte, dass mir etwas Wesentliches durch die Finger glitt – Echtheit, wahre Expertise und Menschlichkeit. Ich kann es niemanden verübeln, ich war ja selbst angefixt von diesem künstlichen Abkürzungsgenerator. Ich habe zu erst mit Charly meinem „Lifecoach“ Schluss gemacht und ChatGPT nur noch sporadisch für sachliche Themen genutzt, aber es fühlte sich immer schlechter an.
Im Jahr 2024 hatte ich einen KI-Worskshop besucht. Ich bin als Gegnerin rein und als angefixte „Kundin“ wieder raus. Ich habe gelernt, wie die künstliche Intelligenz unterstützen kann, manche Prozesse zu vereinfachen, aber eben auch mit der absoluten Prämisse, dass alles, was die KI ausspuckt auf Richtigkeit überprüft werden muss. KI denkt nicht, es rechnet. Es gibt dir den Durchschnitt, Antworten mit den höchsten Wahrscheinlichkeiten und einen Faktensalat, der so im Kontext oft gar nicht stimmt.
KI ist kein Tool, dass leichtfertig genutzt werden sollte. Klar, es kann enorme Fortschritte erzielen, wenn es unter präziser Beobachtung genutzt wird. Aber es kann eben auch als Waffe genutzt oder zu einem gefährlichen Spreader von Halbwissen und Fehlantworten werden. Für mich sollte sie nicht frei zugänglich sein, denn die Auswirkungen von falsch genutzter KI sind meines Erachtens zu hoch. Wir reden hier von Deep-Fake Videos, Mobbing, Fehlinformationen zu gesundheitlichen Fragen, aktiver Verbreitung von trügerischen Videos, gefälschten Voice-Nachrichten und betrügerischen, kaum von der Realität zu unterscheidenden Fallen.
Inzwischen hat man das Gefühl, das jede Plattform eine künstliche Intelligenz integriert – ohne wirklich zu prüfen, wie hoch die Fehleranfälligkeit eigentlich ist. In der Google-Suche werden Informationen geteilt, die etwa zu einem Drittel falsch sind. Die ersten „Treffer“ sind KI-generiert und auch die vorherigen „viel gestellten Fragen“ werden in zwischen nur noch von der KI beantwortet. Und man kann es nicht mal (und wenn nur äußerst umständlich) ausschalten. Mich würde mal interessieren, wie viele Google-Nutzer die KI-Funktion ausschalten würden, wenn es möglich wäre. Also ich würde es tun.
Ich möchte hier nun noch den Bogen spannen, von ChatGPT bzw. KI-Tools hin zu der Arbeitswelt, dem gesunden Menschenverstand und einer Zukunft voller neuen Technologien.
Wir Menschen sind nun mal selbstständig denkende Wesen, die immer wieder auf neue Ideen kommen. Das ist großartig, aber auch gefährlich. Damit dürfen wir einfach klarkommen. Wie heißt es so schön „Mit großer Macht, geht große Verantwortung einher.“ Und genau die – so scheint es mir – versuchen wir gerade still und heimlich in die Hände der künstlichen Intelligenz zu legen. Was wir dabei vergessen, ist, dass wir Menschen den Entstehungsprozess brauchen. Wir brauchen ihn, um zu wachsen, um Fehler zu machen und daraus zu lernen. Und jeder zieht aus den gleichen Fehlern ganz andere Schlüsse für sich. Ich kann dir sagen, ich habe in den letzten 12 Monaten mindestens 30 Angebots- und Geschäftsideen aus der KI gezogen, aber keines davon war wirklich meins. Keines davon kam aus mir und keines davon war dazu gemacht um zu bleiben.
Der Fortschritt ist da und wird es auch immer bleiben. Die Frage ist nur, wie gehen wir damit um? Müssen wir auf jeden Zug aufspringen, der gerade die Party deines Lebens verspricht? Und wenn wir aufsteigen, was von dem Angebot nehmen wir mit, auch wenn unsere Gesundheit dabei auf dem Spiel steht?
Ich habe für mich entschieden, dass ich mich nicht mehr von dem Glanz und Gloria blenden lassen möchte. Mein ChatGPT Account ist gekündigt – seit 3 Monaten. Ich will kein Instrument von Algorithmen sein. Ich mag es nicht diese Maschine mit meinem Leben, meinen Ideen und meinen tiefsten Geheimnissen zu synchronisieren. Ich mag nicht manipuliert werden und meine Zeit mit Luftschlössern verschwenden. Meine Arbeit greift in die Gesundheit und den Lifestyle meiner Kunden mit ein und ich will auf keinen Fall, dass dies auf einer errechneten Wahrscheinlichkeit aus Daten basiert, die fast schon zufällig zusammengewürfelt wird. KI ist Durchschnitt (Tendenz sinkend) und das ist wirklich das letzte, was ich für mich, meine Kunden und meine Arbeit möchte.
Dies ist mein Anfang zu einem selbstbestimmten, menschlichen und auch etwas langsameren Leben / Business. Ich mag keine Abkürzungen mehr, ich möchte den Weg genießen, ich möchte über Steine stolpern und dabei den Edelstein auf dem Boden finden, den ich sonst übersehen hätte.
Die künstliche Intelligenz ist da und wird wohl auch nicht mehr verschwinden. Sie kann absolut nützlich sein, aber eben nicht für die breite Masse. KI ist etwas, dass wir verstehen müssen, wir dürfen lernen, was genau eine KI macht und in welchen Bereichen sie sinnvoll eingesetzt werden kann. Gleichzeitig müssen wir aufgeklärt werden, wozu die KI in der Lage ist, wenn sie in falsche verbrecherische Hände gelangt. Da es aktuell keine wirkliche große Aufklärungskampagne gibt, ist jeder von uns selbst dafür verantwortlich, gewissenhaft mit diesem Tool umzugehen.
Die Zahlen an psychischen Krankheitsfällen steigen zunehmend und die Jugend gibt an, Angst vor sozialer Isolation zu haben. Das was die Menschheit, unsere Gesellschaft, gerade am wenigsten gebrauchen kann, ist eine KI, die unsere Menschlichkeit noch mehr verkümmern lässt. Was wir brauchen, ist mehr echte Pausen, Offline-Zeit, mehr echte Verbindungen und ja, tiefe Menschlichkeit. Mehr natürlich, weniger künstlich. Und über die Datensammlung und Informationsverwässerung haben wir noch gar nicht wirklich gesprochen. Da freue ich mich, wenn es vielleicht bald einen Gastbeitrag von einer KI-Expertin hier bei mir geben wird.
Website, Kunst + Texte von jotty 2026 | Fotos + Bilder: jotty, Flo von Flowlight Photography, Dani Lauer + Unsplash.