VON jotty
Ganz ehrlich, hast du nicht auch manchmal das Bedürfnis der ganzen Welt den Stecker zu ziehen? Wünschst du dir nicht auch manchmal die Zeit zurück, in der es so viel stiller war. In der unsere Vorfreude noch real war und wir unser Wissen analog angeeignet haben? Eine Zeit in der wir uns mit Freunden per Telefon oder in der Schule verabredeten und wir einfach zum abgemachten Zeitpunkt da waren?
Die 90er Jahre war das letzte analoge Jahrzehnt. SMS kosteten 20 Pfennig und waren auf 140 Zeichen begrenzt. Da hat man sich dreimal überlegt, was alles in die Nachricht kommt oder nicht. In den 90ern basierte viel mehr auf Vertrauen und Absprachen galten wie Verträge. Ich möchte ehrlich sein – ich komme nicht mehr mit. Ich komme mit dieser Informationsflut nicht mehr mit. Wir Millenials sind die letzte Generation, die weiß, wie schön es war – so ganz ohne Handy, ständiger Kontrolle und permanenter Reizüberflutung. Wir kannten kein FOMO und wir brauchten keinen GPS-Tracker an unserem Handgelenk. Wir brauchten keine Schrittzähler, weil wir eh den ganzen Tag draußen in Bewegung waren. Wir hatten einfach unsere Ruhe.
Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich wieder zurück in die 90er will, immerhin haben wir uns schon auch ein ganzes Stück mehr Freiheit und Selbstbestimmtheit erarbeitet. Aber wie frei sind wir wirklich, wenn wir 24/7 erreichbar sind und die Informationen ungefiltert auf uns einprasseln? Wie selbstbestimmt sind wir wirklich, wenn unser Handy uns völlig unbewusst zu Social Media lockt, obwohl wir eigentlich nur kurz die Uhrzeit checken wollten? Ich spüre mit jedem Tag mehr, dass ich das so nicht mehr will.
In den letzten Jahren habe ich mit vielen Selbstständigen gesprochen und die wenigsten von ihnen hatten richtig Bock auf Instagram. Viel mehr waren sie gestresst, fühlten sich fremdgesteuert und ihnen fehlte die Energie, wenn sie Social Media genutzt haben. Die meisten haben ihr Smartphone entgegen ihren eigenen Bedürfnissen genutzt. Abgesehen von dem extremen Performance-Druck auf Instagram den (nächsten) viralen Post zu dropen, hält uns die digitale Welt davon ab, ein gesunden Leben zu führen. Es betäubt unser seelisches und körperliches Empfinden, trennt uns von uns selbst. Denn wenn dem nicht so wäre, würden wir nicht von 20:00 bis 24:00 Uhr wie Zombies vor den Bildschirmen sitzen.
Vor ein paar Tagen habe ich seit langem mal wieder eine Story auf Instagram gepostet, um mich zu rechtfertigen, warum es so still auf meinem Account ist. Wie oft entschuldigen wir uns, weil wir nicht innerhalb kürzester Zeit auf Nachrichten reagiert haben? Hä? Wie weird ist das eigentlich? Früher hat sich keiner entschuldigt, dass er nicht ans Telefon gegangen ist, weil er gerade einfach sein Leben gelebt hat.
Was ich aber eigentlich sagen wollte, es hat sich so verdammt falsch angefühlt überhaupt wieder etwas zu posten. Obwohl ich den Drang verspürte, der Welt mitzuteilen, warum ich keinen Content produziere und dass ich mein neuestes Waffel-Game jetzt starten werde, habe ich es direkt bereut mich wieder „gemeldet“ zu haben. Warum ich gepostet habe? Sehr wahrscheinlich, weil ich mal wieder etwas „Anerkennung“ (Likes, Kommentare,…) gebrauchen konnte und ich meine Follower nicht „hängen lassen“ wollte. Aber sind wir doch mal ehrlich. Wir werden jeden Tag so zu geschi**en mit den neuesten Rebels, wem fällt da schon auf, dass man 2 Monate nichts postet?
Ich spiele jetzt schon länger mit dem Gedanken wirklich wieder analog zu werden – naja zumindest zum größten Teil. Kein Insta, kein WhatsApp, viel weniger E-Mails (diese Newsletter nehmen wirklich überhand). Ich mag wieder kurze pointierte SMS bekommen, gerne auch wieder Postkarten oder Briefe. Nicht umsonst steigt der Trend zu den alten Knochen von Früher – sogar auch bei den Teenies/jungen Erwachsenen von heute. Es könnte passieren, dass Nokia und Co wieder eine richtige Renaissance erleben dürfen. Mir ist klar, dass es keinen Weg mehr ganz zurück geben wird. Immer mehr feiern ihre papierlosen Schreibtische. Btw. Datenspeicherung, E-Mail-Speicherung und Cloudlösungen verbrauchen auch ordentlich CO2 – falls mal jemand fragt ;).
Die 90er hatten zwar nicht die besten Hairstyles, aber dafür war der Kopf freier, die Hände dreckiger und die Partys wilder. Wir haben noch selbst gedacht und es war okay mal daneben zu liegen. Meinungen wurden diskutiert oder in Lexika nachgeschlagen. Es war nicht verdammt so wichtig, ob man jetzt zu 1000% recht hatte oder nicht.
Ich mag das Gefühl, dass mich an die 90er erinnert und ich bin gerade auf dem besten Weg dahin, mir dieses Gefühl wiederzuholen. Ich lade dich ein, auch mal für dich darüber nachzudenken. Für mein Business bedeutet das konkret: Von allem nur das, was mir wirklich gut tut und meine digitale Welt / Zeit auf das Minimum reduzieren.
Viel mehr offline (Events, Netzwerken, Begegnungen, Gespräche, Briefe,…) und viel weniger online (kaum bis gar kein Social Media, keine Webinare oder Online-Kurse, weniger E-Mails, lieber Telefonate als Videocalls.)
Und wenn du Lust hast, regelmäßig einen echten, schön gestalteten Brief mit inspirierenden Texten in deinen analogen Briefkasten zu bekommen, dann freue ich mich auf deine Eintragung. Mehr Infos und die Anmeldung zum letter. findest du auf dieser Seite.
Website, Kunst + Texte von jotty 2026 | Fotos + Bilder: jotty, Flo von Flowlight Photography, Dani Lauer + Unsplash.